VI Global Players des Mittelalters – Die norditalienischen Grossbanke

Erst durch die Kreuzzüge (ab 1100) lebt das europäische Finanzwesen wieder auf. Die netzwerkartig über grosse Entfernungen verstreuten Besitztümer der Ritterorden fungieren, dank ihrer Praxis, Geldsummen entgegenzunehmen und sie gegen Vorlage der Quittung in einer beliebigen anderen Burg des Ordens in fremder Währung wieder auszuzahlen, als erste Vorlaüfer eines europaweiten Bankwesens. Was die Umgehung des Zinserverbots angeht, erweisen sich die Ordensritter als innovativ: über frisierte Wechselkurse konnte man Zinsnahme für ‚Reise- und Eroberungsdarlehen‘ perfekt kaschieren. Der älteste dokumentierte Vertrag dieser Art datiert aus dem Jahre 1156: 115 Genuesische Pfund wurden in Genua verliehen und nach einem Monat in Konstantinopel in der Form von 460 Byzanten wieder zurückbezahlt. In den folgenden einhundert Jahren verbreitet sich diese Form von als Wechsel getarntem Zinsgeschäft schnell.

Europaweiter Handel kommt in Bewegung: Hamburg, eine 1189 mit Hafenrechten ausgestattetete Marktsiedlung an der Alster, wächst zu einem florienedem Handelszentrum heran. Aus losen Schutzgemeinschaften norddeutscher Kaufleute entwickelt sich um ca. 1150 die Hanse mit Lübeck als Zentrum. Um 1200 erhält Brügge, Standort regionaler Textilmärkte, die Rechte zur Veranstaltung eines jährlichen Grossmarkts, der sich zu einer Art internationlen Messe entwickelt, die ab 1277 von norditalienischen Handelsflotten besucht wird. Niederlassungen werden gegründet, und aus einem Wechselhändlertreff vor dem Haus der Kaufmannsfamilie Van der Beurse entsteht die erste Börse (daher auch der Name), die später ins Haus verlegt wird.

Die ersten Grossbanken entstehen um 1250 in der Toskana. Spezialisiert auf die Versorgung mittelalterlicher Herrscher mit schnellem Geld im Tausch gegen die Abtretung staatlicher Monopole, erlangen sie nicht nur Kontrolle über die Produktion lebenswichigter Güter sondern auch über Steuereinnahmen und gelegentlich sogar über Regierungsfunktionen. So ‚privatisiert‘ die Peruzzi Bank bis 1325 das Königreich Neapel (dh. ganz Süditalien): Sie kommandiert die Armee, erhebt Zölle und Steuern, ernennt Beamte und verkauft die Getreideproduktion. Nebenbei sind die Peruzzi Gläubiger von König Philipp IV von Frankreich, leiten dem Umzug der Papstresidenz nach Avignon ein und monopolisieren den Verkauf englischer Wolle ‚im Dienste‘ von Edward II. Mit ihrer expansiven Politik lösen die frühen italienischen Banken Kriege und Krisen aus und zerstören durch die von ihnen provozierten Konkurse der Stadt Florenz und Edward III. von England (beide 1342) ihre eigene Existenzgrundlage. 1345 sind die Peruzzi und die Bardi, die beiden grössten Banken der Welt, selbst pleite.

In der Folge setzen die legendären Medici neue Maßstäbe in Punkto vertikaler Mobilität. 1348, kurz nach dem Bankrott von Peruzzi, Bardi & Co steigt die mittelständische Textilhändlerfamilie mit vergleichsweise geringem Startkapital ins Kreditgeschäft ein und baut ein verzweigtes Bankhaus mit Niederlassungen in vielen europäischen Städten auf. Im Gegensatz zu ihren Vorläufern basiert die Medici Bank erstmals auf dem Prinzip einer Holding, in der jede Filiale als eigenständige Gesellschaft auftritt: 40 Prozent gehören dem Filialleiter, 60 % den Medici. Die Haftung übernimmt eine eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufene Dachgesellschaft. Giovanni dei Medici wird zum Bankier des Papstes und Vermittler zwischen Adel und Volk. Das von den Medici perfektionierte Mäzenatentum macht Städte wie Florenz, Venedig, Mailand und Genua zu kulturellen und wirtschaftlichen Metropolen der Renaissance.

Die Banca Monte dei Paschi di Siena, gegründet als Leihhaus im Jahre 1472, existiert bis heute und gilt als die älteste noch aktive Bank der Welt.

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